Hotel Glockenhof Zürich – «Ein Kurs, viele persönliche Ziele»
Der Deutschkurs für Mitarbeitende in der Hotellerie-Hauswirtschaft richtet sich nach dem persönlichen Bedarf der Teilnehmenden.
Bild oben: Baresa Krasniqi (li) mit Carmo Vargas (re) in der Lingerie im Hotel Glockenhof Zürich.
Denise Di Benedetto, Stv. Hauswirtschaftsleiterin im Hotel Glockenhof, begleitet die letzten Teilnehmenden in den Bankettsaal, der jede Woche für 90 Minuten zum Kursraum wird. Sie hat dafür gesorgt, dass die Mitarbeitenden an ihren Arbeitsplätzen rechtzeitig abgelöst werden und pünktlich in den Kurs kommen können.
Zum Start lockert ein Spiel mit Fotokarten auf. In einem ersten Schritt gilt es, das passende deutsche Wort für den Gegenstand auf dem Bild zu finden. Eine zweite Person bildet danach mit diesem Wort einen eigenen Satz.
Nach diesem gemeinsamen Einstieg teilt sich die Gruppe in zwei Sprachniveaus auf. Die Kursleiterin erklärt der fortgeschrittenen Gruppe eine Aufgabe, die sie selbstständig bearbeitet. Mit der anderen Gruppe arbeitet sie individuell weiter. Später werden die Rollen wechseln, damit alle gut zum Zug kommen.
Yuliia Litvin spielt mit einer Kollegin Dialoge durch: «Haben Sie noch einen Wunsch? Benötigen Sie einen Weckanruf?» Parallel übt Baresa in der Gruppe, die im Deutsch ganz von Null anfängt, die Alltagskommunikation: sich vorstellen können, etwas von der Familie erzählen.
Es wird gelacht und diskutiert. Die Kultur in einem gehobenen Hotel ist immer wieder ein Thema. Wie spricht man einen Gast korrekt an? Oder die Schweizer Eigenheiten: Hier ist das Croissant das Gipfeli, der Korridor der Gang und der Aufzug der Lift. Sogar die Süssgetränke haben einen anderen Artikel: das Cola statt die Cola.
Zwar steht Grammatik nicht im Zentrum dieses Kurses. Aber die Teilnehmenden möchten es genau wissen – zu oft werden sie im Alltag wegen der falschen Artikel korrigiert.
Fachbegriffe sind noch keine Kommunikation
«Die wichtigsten Fachbegriffe – Lappen, Koffer, Staubsauger etc. – lernen unsere Mitarbeitenden schon im Alltag», sagt Denise Di Benedetto. Der Betrieb stellt den Mitarbeitenden dafür auch eine hotelspezifische App zur Verfügung, die die Arbeitsabläufe für einen ganzen Tag in ihre Erstsprache übersetzt. «Doch damit lernt man die Sprache nicht.»
Die Leute sollen einfach kommunizieren können – mit den Gästen, aber auch untereinander. Im Kurs wird auch das Hörverständnis trainiert. Telefonieren sei wichtig, erklärt Di Benedetto: «Wir können nicht überall im Haus sein. Wenn die Reception anruft, muss die Mitarbeiterin auf der Etage die Anweisungen am Telefon genau verstehen.» Die Übungen im Kurs schaffen dafür das nötige Selbstvertrauen.
Denise Di Benedetto, Stv. Hauswirtschaftsleiterin
Drei Menschen – drei Lebens- und Lerngeschichten
Wie schwierig das Telefonieren ist, erlebte auch die Kursteilnehmerin Yuliia Litvin. Sie erzählt von einem früheren Missverständnis: Ein Gast wünschte an der Reception, dass sein Zimmer gereinigt wird. Sie hatte verstanden, dass kein Service gemacht werden soll. So ein Fehler kann in einem Hotel rasch Folgen haben.
Yuliia Litvin (li), Mitarbeiterin Hotellerie-Hauswirtschaft (im Bild mit Carmo Vargas)
Litvin flüchtete vor 3 Jahren aus der Ukraine, wo sie in der Versicherungsbranche arbeitete. In der Schweiz möchte sie sich eine neue berufliche Perspektive aufbauen. Sie hat bereits den Lehrgang zum Branchenzertifikat Progresso1 gemacht. Ihr Ziel ist der Berufsabschluss als Fachfrau Hotellerie-Hauswirtschaft EFZ. Für die Zulassung zum Vorbereitungskurs nach Artikel 32 braucht sie als Nächstes das Sprachzertifikat B2. Das Hotel Glockenhof unterstützt externe Kurse dafür mit.
Zahlen und Uhrzeiten verstehen
Für Carmo Vargas ist es wichtig, dass sie die Zimmernummern und Uhrzeiten besser versteht – «zwanzig vor acht», «zehn nach neun». Also fokussiert sie sich im Kurs auf die Zahlen.
Vargas ist seit 8 Jahren in der Schweiz. Die ehemalige Kindergärtnerin aus Portugal arbeitete in Interlaken in der Spedition und hat schon mehrere Deutschkurse besucht, bevor sie zum Hotel Glockenhof nach Zürich kam. Trotzdem traut sie sich kaum, Deutsch zu sprechen. Sie tut sich schwer mit der Sprache, möchte die Struktur verstehen. Im Kurs im Hotel Glockenhof kann sie in ihrem eigenen Tempo lernen.
Zwischen den Sprachen leben
Baresa Krasniqi kam erst vor Kurzem aus Italien in die Schweiz und macht gleich einen doppelten Neuanfang: im Beruf und in der deutschen Sprache.
Die gelernte Coiffeuse lebte schon früher zwischen den Sprachen – Albanisch und Italienisch. Einige ihrer Arbeitskolleginnen im Hotel Glockenhof verstehen Italienisch. Das ist ein Vorteil für die Verständigung. Aber es kann auch die Fortschritte im Deutsch erschweren.
«Zu Hause spreche ich Albanisch, an der Arbeit Italienisch und jetzt lerne ich Deutsch – das gibt ein Durcheinander.»
Baresa Krasniqi, Mitarbeiterin Hotellerie-Hauswirtschaft
Doch Krasniqi lernt schnell. Für sie endet der Kurs an diesem Tag bereits mit einem ersten Abschlusstest. Sie soll sich und ihre Familie frei vorstellen. Sie bewältigt diese Aufgabe fliessend und mit guter Aussprache: «Ich bin Baresa, ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Das ist meine grössere Schwester.» Auf die Frage, wie sie sich verabschiedet, zählt sie auf: «Auf Wiedersehen, Tschüss» – und ergänzt in perfektem Schweizerdeutsch: «En schöne Abig.»
Der Kurs wirkt. Das Selbstvertrauen im Arbeitsalltag wächst. Der Aufwand lohnt sich für beide Seiten.
- Progresso ist ein breit anerkanntes Branchenzertifikat, das sich an Mitarbeitende ohne formellen Berufsabschluss im Gastgewerbe richtet. Die Lehrgänge dauern 25 Tage und werden über den L-GAV Gastgewerbe finanziert. ↩︎
V. l. n. r.: Carmo Vargas, Yuliia Litvin, Denise Di Benedetto, Baresa Krasniqi
«Ich möchte Türen öffnen»
Was braucht es auf Seiten des Betriebs, damit Mitarbeitende sich weiterentwickeln können?
Karin Ambler, Leiterin Human Resources im Hotel Glockenhof Zürich, erzählt, warum ihr die individuelle Förderung der Mitarbeitenden so wichtig ist. Artikel lesen
Viel Erfahrung mit heterogenen Gruppen
Das Praxisbeispiel aus dem Hotel Glockenhof Zürich zeigt, wie unterschiedlich die Teilnehmenden vom Kurs profitieren können.
Neuen Mitarbeitenden erleichtert er den Einstieg in den Berufsalltag und die Kultur in einem Schweizer Hotel der gehobenen Klasse. Andere gewinnen mehr Sicherheit, oder sie erhalten Unterstützung auf dem Weg zu einem Berufsabschluss. Wovon alle profitieren: Das gemeinsame Lernen bietet Gelegenheit für den Austausch und zum gegenseitigen Kennenlernen.
Die Begleitung der Teilnehmenden mit den breit gefächerten Sprachniveaus und Lernbiografien wie in diesem Beispiel ist herausfordernd. Einige Teilnehmende haben wenig Schulerfahrung und haben schon Mühe mit Lesen und Schreiben. Andere lernen schnell und möchten rasch ihre persönlichen Ziele erreichen. Das bedingt eine minutiöse Kursvorbereitung und viel Erfahrung.
Das Hotel Glockenhof arbeitet seit langer Zeit mit einer Kursanbieterin zusammen, die den Betrieb und die Branche gut kennt. Gemeinsam mit der HR-Leiterin Karin Ambler werden die Aufgaben jeweils passgenau für die unterschiedlichen Personen und Gruppen entwickelt.
Bund und Kantone unterstützen
Möchten auch Sie die Grundkompetenzen Ihrer Mitarbeitenden fördern? Bund und Kantone unterstützen die Kursentwicklung und -durchführung in Ihrem Betrieb. Erfahrene Anbieter aus Ihrer Region begleiten Sie dabei.
Mehr Informationen zum Vorgehen
Unternehmen: Hotel Glockenhof Zürich
Kursanbieterin: Professional Language Center
Interview, Text, Fotografie: Christine Bärlocher, SVEB
Alle Fotos: © Christine Bärlocher, SVEB Schweizerischer Verband für Weiterbildung
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